Rehabilitationsziele


In der Burgenlandklinik wird ein dualer Behandlungsansatz verfolgt, der einerseits auf eine klinische Besserung des Krankheitsbildes, andererseits auf soziale und berufliche reintegrative Maßnahmen entsprechend dem Rehabilitationsziel gerichtet ist. Die multimodale Verhaltenstherapie dient hier grundsätzlich beiden Zwecken, die einzelnen Therapieangebote lassen sich jedoch in der Regel mehr dem einen oder anderen Ziel zuordnen.

Therapieziele werden immer individuell erarbeitet. Unser Anliegen ist es, zu Beginn der Therapie ganz konkret mit dem Patienten seine für ihn relevanten Therapieziele zu erarbeiten. Dieses hilft ihm insbesondere, je präziser er seine Ziele formuliert, sich im rehabilitativen Prozess zu orientieren. Anhand der konkreten Therapieziele kann der individuelle Therapieplan entwickelt werden. Zusätzlich sind die Ziele eine Möglichkeit, den Erfolg der Rehabilitation zu beurteilen, sie sind somit als Qualitätssicherungselement unerlässlich.

Als Hilfe für eine systematische Gliederung wurde die für die medizinische Rehabilitation grundlegende Klassifikation, das ICF-Modell (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) der WHO (Weltgesundheitsorganisation, 2002) verwendet. In der ICF werden die Beeinträchtigungen infolge chronischer Erkrankungen und Behinderungen, welche maßgeblich für die stationäre Rehabilitation sind, in folgende 3 Ebenen geteilt:

Die Ebene der Körperfunktionen sind die physiologischen Funktionen von Körpersystemen einschließlich der psychologischen Funktionen. „Körper“ bezieht sich auf den menschlichen Organismus als Ganzes und schließt daher das Gehirn ein. Somit sind mentale (oder psychologische) Funktionen den Körperfunktionen zugeordnet. Als Standard für diese Funktionen wird die statistische Norm für Menschen angesehen (Weltgesundheitsorganisation, 2002).

Die Ebene der Aktivitäten beschreibt die Einschränkung einer Person, infolge ihres Gesundheitsschadens eine körperliche, soziale, seelische oder geistige Aktivität in dem Umfang auszuführen, der als normal für den einzelnen Menschen angesehen wird. Sie repräsentiert die individuelle Perspektive der Funktionsfähigkeit, welche wiederum ein Oberbegriff für Körperfunktionen, Körperstrukturen, Aktivitäten und Teilhabe ist und die positiven Aspekte der Interaktion zwischen einer Person und ihren Kontextfaktoren bezeichnet (Weltgesundheitsorganisation, 2002).

Die Ebene der Teilhabe: Hier sind die als Folge eingeschränkter Körperfunktionen und
-strukturen entstandenen Benachteiligungen erfasst, welche die Teilnahme einer Person in einem Lebensbereich bzw. einer Lebenssituation erschweren. Sie repräsentiert die gesellschaftliche Perspektive der Funktionsfähigkeit (Weltgesundheitsorganisation, 2002).

In der ICF wurde das biopsychosoziale Modell erweitert, es wird nun unter Berücksichtigung der Umweltfaktoren, insbesondere der gesamte Lebenshintergrund des Betroffenen, einbezogen.
Diese Ergänzung entstand aufgrund der Überlegung, dass identische Schadensbilder bei verschiedenen Patienten zu stark variierenden Funktionsbeeinträchtigungen und Leistungseinschränkungen führen können, was als Resultat unterschiedlicher Bewältigungsressourcen, beruflicher und ökonomischer Situationen, sozialer Unterstützung, psychischer Faktoren u. ä. angesehen wird (Therapiezielkatalog Reha-Qualitätssicherungsprogramm der gesetzlichen Rentenversicherung, 2004).

Die wichtigsten Aspekte eines Therapiemodells der Rehabilitation (Gerdes und Weis, 2000) sind auf folgender Abbildung graphisch dargestellt:

 

Vier Zieldimensionen der Rehabilitation

Psycho-soziale Zieldimension (Bewältigungsprozess, psychische und soziale Ressourcen): Auf dieser Ebene ist das Ziel, psychische Beeinträchtigungen und soziale Belastungen zu beseitigen oder zu verringern und psychische und soziale Ressourcen zu aktivieren.

Somatische Zieldimension (Gesundheitszustand, Körperfunktionen und -strukturen): Ziel dieser Ebene ist eine Begrenzung bzw. Verringerung der organischen Schäden und Beschwerden und eine allgemeine Verbesserung des Gesundheitszustandes.

Edukative Zieldimension (Gesundheitsinformation und -verhalten): Diese Ebene erfordert präventive Bestrebungen zur Förderung des Gesundheitsverhaltens (Motivation, Information, Schulung) und Verbesserung der Fähigkeiten und des Grades der Beherrschung von Techniken zur Bewältigung der Belastung durch chronische Krankheit und Behinderung.

Zieldimension der Aktivität und Teilhabe (Leistungsanforderungen, Funktionsfähigkeit und Funktion in Beruf und Alltag): Hier sollen Einschränkungen im alltäglichen Leben beseitigt oder verringert werden.

Im Verlauf der Therapie sind die Therapieziele immer wieder zu konkretisieren und Bestandsaufnahmen notwendig, um den Therapieplan den individuellen Zielen der Patienten anzugleichen.

 

Chronisches Krankheitsverhalten


Gerade im Bereich der Behandlung und Rehabilitation von Patienten mit bereits seit langem bestehenden Erkrankungen und Behinderungen körperlicher und/oder psychischer Natur spielt das Problem des sog. „Chronischen Krankheitsverhaltens" eine wesentliche (hinderliche) Rolle. Mit diesem Begriff sind zusammenfassend all diejenigen Prozesse der Krankheitsverarbeitung gemeint, die statt zu einem aktiven, auf die Bewältigung von Beschwerden, Symptomen und Beeinträchtigungen gerichteten Umgang mit der Erkrankung zu dysfunktionalen, die Störungsanpassung verschlechternden Vorgängen führen.
Wesentliche Merkmale des chronischen Krankheitsverhaltens sind:

 

  1. Einbuße an positiven Erlebnismöglichkeiten, sozialer Rückzug, Reduktion von Aktivitäten, Auftreten depressiver Verstimmungen, Konflikte mit dem sozialen Umfeld

  2. Passivität und Einschränkung der Bewältigungsanstrengungen

  3. gleichzeitig übermäßige Besorgnis um die eigene Gesundheit und gesundheitsgefährdender Lebensstil mit Risikoverhalten (Alltagsdrogen, Medikamente, Fehlernährung, Bewegungsmangel etc.)

  4. Aufgabe der Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit und Delegation der Zuständigkeit an die Experten des Gesundheitswesens (Ärzte und Therapeuten)

  5. unangemessene Inanspruchnahme medizinischer und therapeutischer Maßnahmen

  6. Nichtbefolgen medizinisch-therapeutischer Verordnungen

  7. Vermeidungsverhalten, Funktionalisierung der Erkrankung („Krankheitsgewinn"): Zuwendung der Umgebung, Schonung, finanzielle Vorteile u. a. m.

  8. Verlust der angestammten sozialen Funktionen und Rollen, dauerhafte Übernahme der Krankenrolle bis hin zur Invalidität oder Beeinträchtigung aller wichtigen Lebensbereiche

 

Dieses chronische Krankheitsverhalten ist ein komplexes Phänomen, bei dem neben somatischen und psychologischen Krankheitsprozessen vor allem auch medizinsoziologisch erklärbare Vorgänge eine wichtige Rolle spielen. In der Regel gelingt es mit rein medizinischen Maßnahmen nicht, diese beschriebenen Entwicklungen zu stoppen oder gar umzukehren; manchmal kommt es im Gegenteil zu einer noch weiteren Verstärkung der Krankenrolle.

Der verhaltensmedizinische Therapie- und Rehabilitationsansatz hingegen versucht, unter Nutzung sowohl medizinischer als auch psychologischer und psychotherapeutischer Methoden das chronische Krankheitsverhalten – sei es bei somatischen, sei es bei psychischen Grunderkrankungen – selbst anzugehen und es wieder abzubauen.
Die Grundgedanken dieses Konzeptes lassen sich wie folgt zusammenfassen:

 

  1. Individualisierte und zielorientierte Diagnostik: medizinischer und psychologischer Art mit einer genauen, detaillierten Problemanalyse als Grundlage eines lernzielorientierten, hierarchisierten Therapie- und Rehabilitationsplanes

  2. Partnerschaft und Transparenz: Der Therapeut ist nicht Behandler, sondern hilft handeln. Er vermittelt dem Patienten die Informationen und Fertigkeiten, die dieser braucht, um selbständig seine Erkrankung und deren auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen zu bewältigen.

  3. Selbstverantwortung und Selbsthilfe: Im Therapieverlauf wird der Patient so zum Experten seiner eigenen Erkrankung. Die vermittelten Bewältigungskompetenzen ermöglichen es ihm, die Krankenrolle und den damit verbundenen Krankheitsgewinn aufzugeben und eine konstruktive, eigenverantwortliche Verhaltensänderung im Umgang mit seinen Problemen ins Werk zu setzen.

  4. Gegenwartsbezug und Veränderungsorientierung: Der Einsicht in das Bedingungsgefüge des Krankheitsverhaltens müssen entsprechende Verhaltensänderungen folgen. Diese werden zunächst in therapeutisch gestalteten Modellsituationen, später dann auch unter realistischen Bedingungen im Alltagsumfeld des Patienten umgesetzt.

  5. Übendes Lernen und kleine Schritte: Lange eingeschliffenes Krankheitsverhalten muss allmählich modifiziert werden. In kleinen Schritten werden die erforderlichen Verhaltensänderungen Zug um Zug mit therapeutischer Unterstützung vorangetrieben. Kleine Erfolge summieren sich so mit der Zeit zu großen Veränderungen. Ressourcen des Patienten werden reaktiviert und zum Aufbau von Motivation und Bewältigungskompetenz genutzt.

  6. Multimodaler Therapieansatz und interdisziplinäre Zusammenarbeit: Komplexe Problemkonstellationen erfordern komplexe Maßnahmen. Hierfür ist ein Expertenwissen erforderlich, das nur in einem multiprofessionell zusammengesetzten Behandlungsteam zur Verfügung steht. Um es zu nutzen, ist ein hohes Maß an Kooperation und Integration der verschiedenen Berufsgruppen erforderlich, die durch eine entsprechende Organisationsstruktur innerhalb der Klinik erreicht wird.

 

Als beispielhaft für ein Therapieelement im Sinne der angestrebten Reintegration sei die intensive soziotherapeutische Betreuung der Patienten hervorgehoben. Darüber hinaus besteht ein wichtiges Ziel darin, die Prozesse, die das chronische Krankheitsverhalten begünstigen, zu durchbrechen und den Patienten aktive Bewältigungsstrategien und selbständig anwendbare Behandlungstechniken in die Hand zu geben. Chronisches Krankheitsverhalten soll abgebaut, „verlernt” werden und an seine Stelle ein „angemessenes”, gesundheitsförderliches, ressourcenorientiertes Krankheitsverhalten treten.

Im Einzelnen lassen sich unter anderem folgende Behandlungsziele formulieren:

 

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Wiedererlangung oder Stärkung der beruflichen Leistungsfähigkeit; Wiederherstellung oder Erhalt der Erwerbsfähigkeit respektive Rückkehr ins Berufsleben

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Reduktion von Problemverhalten und/oder Symptomen

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Überwindung von Defiziten - insbesondere im sozialen und interaktionellen Verhalten - und Aufbau neuer, gesundheitsfördernder Kompetenzen

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Systematischer Aufbau des Selbsthilfepotentials der Patienten, Mobilisierung von vorhandenen Ressourcen

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Abbau von Schon-/Vermeidungsverhalten im sozialen und körperlichen Bereich

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Wiedererwerb von Vertrauen in die eigene psychische und soziale Funktionsfähigkeit, (Wieder-)Erlangung von Autonomie und sozialkommunikativer Kompetenz

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Aufgabe der Krankenrolle und Aufbau bzw. Ausbau von Alternativverhalten, Ersetzung von chronischem Krankheitsverhalten, zunehmende Übernahme eigener Verantwortung für die Wiederherstellung bzw. Erhaltung der eigenen Gesundheit

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Erlernen eines kritisches Umgangs mit der Inanspruchnahme medizinischer Hilfen (Arztkonsultationen, Medikamenteneinnahme)

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Ausbildung des Patienten zum Experten für seine Erkrankung

 

Spezifisch-rehabilitative Aspekte des Behandlungskonzeptes


Bei Vorliegen relevanter Chronifizierungsmerkmale reicht in der Regel eine reine, selbst eine umfassende psychotherapeutische und somatische Behandlung nicht aus, um die Probleme im Zusammenhang mit dem chronischen Krankheitsverhalten zu beheben. Für eine erfolgreiche familiäre, gesellschaftliche und berufliche Wiedereingliederung werden darüber hinaus gehende Hilfestellungen und Maßnahmen benötigt, die von der Burgenlandklinik vorgehalten werden. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass solche flankierenden Maßnahmen helfen können, selbst auch das Rehabilitationsergebnis und den nachhaltigen Therapieerfolg zu gewährleisten.

Gerade unter den schwierigen gesellschaftlichen und den Arbeitsmarkt betreffenden Gegebenheiten der neuen Bundesländer sind hier spezifische, bereits während des stationären Aufenthaltes beginnende integrationsfördernde sowie nachsorgende Maßnahmen erforderlich. Hierzu gehört eine von vornherein in den Gesamttherapieplan integrierte Rehabilitationsperspektive, die durch ein differenziertes gestuftes und vernetztes System aus psycho-, ergo-, arbeits- und soziotherapeutischen Maßnahmen durch den gesamten stationären Aufenthalt hindurch verfolgt, entwickelt und den diagnostischen und therapeutischen Erkenntnissen des jeweiligen Falles angepasst wird. Hierbei werden in enger Kooperation mit den Leistungsträgern auch nachgehende weitere Rehabilitationsschritte bereits vorbereitet oder in die Wege geleitet. Auf diese Weise können unter Ausnutzung aller sozialmedizinischen Möglichkeiten oft auch noch Patienten mit ausgeprägten Beeinträchtigungen erfolgreich in eine ihren Möglichkeiten angemessene Erwerbstätigkeit zurückgeführt werden.

 
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